auf Vancouver Island

 -- die größte Insel an der Westküste von Nordamerika -- ein Naturwunder der besonderen Art --

weitere Berichte und Fotos folgen …

11.09.2018 Botanical Loop Trail und nach Parksville

Im Bus dampft es wie in einer Sauna, feuchte Handtücher und nicht trocknen wollende Regenjacken liegen über den Lehnen verstreut. Dessen ungeachtet fahren wir auf dem Highway 14 an der Westküste bis zum äußersten Zipfel des Juan de Fuca Marine Trail. Der ganze Trail ist 47 km lang und in 4 Tagen zu schaffen. Wir picken uns bei Port Rentfrew mit dem Botanical Loop Trail ein kleines aber feines Sahnestück heraus. Es ist ein dreistündiger Rundweg in einem einzigartigen Naturschutzgebiet durch einen noch intakten Regenwald und zum Botanical Bay. Zum Glück ist gerade Ebbe, so dass wir auf den schmalen Sandstein- und Granitausläufern in die Gezeitenlachen schauen können. Die sind wie Schmuckkästchen mit bunten Meerestieren gefüllt, ein Einsiedlerkrebs zappelt unter seiner Muschel, rote Seesterne und stachlige Seeigel teilen sich das bisschen Wasser, die dicken Seegurken erinnern an Regenwürmer. Klitschig gelbbraune Algen, manche so dick wie mein Arm, liegen wie ein Knäuel Taue herum und warten auf die Flut. Uwe und Frank „ringen“ mit den Tauen. Das angeschwemmte Treibholz glänzt in der Sonne. Ruhig winkt das Meer mit weißen Gebetsfahnen. Alles hat sich an den ständig veränderten Bedingungen von Ebbe und Flut angepasst. Auch der Regenwald, neben den Hemlock-Tannen und Rot-Zedern wachsen hier vor allem meersalztolerante Sitka-Fichten. Dieser Bestand hier zählt zu den wenigen noch unberührten Beständen auf der Welt. Mit ihren vielen Wassertrieben scheinen sie sich gegenseitig zu umarmen und uns den Weg zu versperren. Doch wir finden alle wieder heil aus dem Wald, auch die kleinen steilen Passagen werden trotz Regen mit gegenseitiger Hilfe gemeistert. Nach dem Lunch im Bus geht die Fahrt nun durch die dichtbewaldete hüglige Insel zur Ostseite rüber. Zufällig sehe ich einen Radwanderer auf dem Asphalt vor uns, voller Respekt schaue ich ihm hinterher. In Nanaimo wollen Anja und Yvonne im großen Walmart eine Isomatte kaufen, werden aber leider nicht fündig. Bei Parksville, einer Kleinstadt mit ca. 12 tausend Einwohnern, beziehen wir am frühen Nachmittag unseren Zeltplatz. Da die Sonne gerade herzhaft lacht, lasse ich erstmal all meine Sachen auf der Wiese trocknen. Marlies pumpt derweil ihre Isomatte mit einem Luftsack auf. Das sieht ganz schön anstrengend aus, da lieb ich mir meine kleine elektrische Pumpe. Zum Meer sind es nur 5 Minuten durch den Douglasienwald, ein gepflegter kilometerlanger Badestrand liegt ausgebreitet und nur für uns vor uns. Die weite Sicht übers Meer hat etwas Beruhigendes. Marlies traut sich als einzige ins Wasser, wir sitzen auf dicken Baumstämmen und schauen was kommt: „Das Meer, schon wieder das Meer“. Sam ist von Einkauf zurück und schimpft mit uns. Beim Aufbau der Küchenplane, die Seile werden um die umstehenden Bäume gespannt, wurden störende Zweige abgebrochen. Dies war überhaupt nicht in Ordnung, das wäre eine Missachtung der Natur. Da hat Sam völlig recht, wie oft brechen wir einfach ohne darüber nachzudenken, Zweige ab, nur weil sie uns stören. Was gibt uns das Recht dazu? Etwas betreten machen wir uns ans Abendbrot, doch beim Hot Canadian, den Uwe sorgsam einschenkt, ist Sam wieder mit uns versöhnt. Die Dunkelheit zwingt uns Lampen auf die Stirn, Marlies findet das „Hotel“ von Irene nicht. Frank meint, schon in Tieraugen geleuchtet zu haben, da verschwindet Doro schnell ins Zelt. Ich stehe im Dunkeln, einige Zelte leuchten wie grüne Neonbirnen, mein Atem dampft, auch in mein Zelt ist schon die Feuchtigkeit gekrochen.

 

 

09.-10.09.2018 Südküste von Vancouver Island (Victoria und Sooke) 

Für die letzte Woche auf Vancouver Island gesellen sich neben Brigitte noch Anja und Yvonne aus der Schweiz sowie Gabi und Frank aus Sachen unserer Truppe zu. Wir lernen sie früh beim Einladen des Hängers kennen. Im Supermarkt helfe ich Gabi und Frank, sich zurecht zu finden, wir decken uns mit Mineralwasser ein, denn das Wasser auf den Campingplätzen ist wegen dem hohen Chlorgehalt nicht sehr schmackhaft. Die Fährüberfahrt dauert ca. 90 Minuten, Zeit zum Kaffee trinken und über`s Meer schauen. Leider sehe ich nur eine Robbe, den Walen ist hier bestimmt zu viel Verkehr. Dafür sind die schroffen Inseln mit ihren kleinen versteckten Häusern interessant, Leuchttürme schmücken hier und da Felsklippen. In Victoria, der blumengeschmückten Hauptstadt der kanadischen Provinz British Columbia, haben wir Zeit zum Stadtbummel. Ich lass mich durch die Straßen treiben, schlendere am Hafen entlang, am Parlamentsgebäude vorbei, bewundere vor dem Royal BC Museum das Langhaus und die bunten Totempfähle, lausche den Orgelklängen in der Christ Church Cathedral, schaue über die Hecke den alten Herren beim Boccia zu, stöbere im hippigen Schaltplattenladen, verweile im Sankt Ann`s Akademie Park bei zwei einsam stehenden riesengroßen uralten Zedern, berühre ihre fasrige rotbraune Haut, lausche ihren Geschichten und spüre innere Zufriedenheit. Zurück im Hafen sehe ich die lustigen Wassertaxis und die Wasserflugzeuge, vielleicht werde ich damit auch mal fliegen. Sam hat in der Zwischenzeit frisch eingekauft und fährt mit uns zum Sooke River Campground. Im Nieselregen stellen wir die Zelte auf, ich mit Doro erst das Oberzelt, dann im Trocknen das Unterzelt. Warum die anderen ihre Zelte unter den Bäumen aufstellen, verstehe ich nicht. Zum Glück gibt es hier einen großen offenen Unterstand, den wir gleich belagern. Marlies hängt ihre Regenjacke in den Bus, in der Hoffnung, dass sie morgen trocken ist. Von Frank erfahre ich, dass er auch Linedance kann. Leider ergibt sich nicht die Möglichkeit, gemeinsam einen Tanz zu wagen. Dies finde ich im Nachhinein schade. Der Spruch: man bereut immer die Dinge, die man nicht gemacht hat, bewahrheitet sich.

Am Morgen werde ich unsanft von einem lauten Geschnatter geweckt, als ob eine ganze Schar Gänse in mein Zelt will. Auf der im Morgennebel dampfenden Wiese neben uns frühstücken sie lautstark. Wir frühstücken im Unterstand. Eine Rehfamilie watet durch den Fluss, zarte Gelb- und Rottöne zäumen sein Ufer, der Indian Sommer meldet sich an. Im East Sooke Regional Park (auf einer Halbinsel, der südlichsten Spitze von Vancouver Island), in dem wir heute einen ganzen Tag eintauchen, offenbart sich uns eine völlig andere Landschaft als in den Rockies. Es empfängt uns ein dichter Regenwald, hier wachsen seit bestimmt Hunderten von Jahren mächtige Vertreter der verschiedensten Baumarten einträchtig nebeneinander. Von den knorrigen Ästen wuchern als hängende Gärten Farne, Flechten und Moose herab, ein ewiges Mosaik aus Grünschattierungen. Der enge Trail windet sich immer wieder an abgestorbenen Baumstümpfen vorbei, die in ihrer Verwitterung bereits wieder neuen Bäumen eine Lebensgrundlage bieten. Am ungewöhnlichsten für mich sind die amerikanischen Erdbeerbäume, sie werfen ihre rote Rinde ab, lassen ihre helle Haut leuchten. Das feuchtwarme Klima lässt hier alles prächtig gedeihen. So könnte ich noch weiter schwelgen, muss aber aufpassen, dass ich nicht ins Stolpern komme. Am Babbington Hill (228m) können wir weit übers Meer schauen, die schmalen Landstreifen am Horizont gehören schon zu den USA. Etwas später am Cabin Point, auf Felsklippen direkt am Meer wie in der ersten Loge sitzend, verweilen wir beim Lunch und lassen die Zeit für uns anhalten. Ein paar Robben und Seelöwen treiben vorbei, lustige Wellen berühren spielerisch die Felsen unter uns, ein Adler beäugt uns aus luftiger Höhe, kleine Segelboote schaukeln auf dem ruhigen Meer.  Sam führt uns weiter an der Küste entlang, mal versteckt im tiefen Wald, mal sich wieder überraschend zum Meer öffnend. Der Weg ist lang und anspruchsvoll, entschädigt aber mit einer unvergleichlichen Natur. Als wir wieder weit draußen einen Seelöwen vermuten, meint Oliver, er wird diese Wanderung, die „Seelöwenwanderung“ nennen. Dies finde ich eine schöne Idee und ergänze „Seelöwenwanderung zwischen den Erdbeerbäumen“.

Abends sitze ich noch mit einigen, mit Stirnlampe bewaffnet, unter dem Tarpzelt. Anja und Yvonne leben zwar in der Schweiz, kommen aber aus Ostdeutschland. Wir verstehen uns sofort sehr gut und haben viel zu Lachen. Man kann auch bei schlechtem Wetter fröhlich sein, es kommt nur auf die richtigen Leute an.