durch die kanadischen Rocky Mountains

    --- drei Wochen mit Zelt durch die Rockies und über die Insel, ein Abenteuer in XXL ---

 

06.-08.09.2018 übern Fraser River durch die Coast Mountain nach Vancouver 

So gut wie im Planwagen habe ich schon lange nicht mehr geschlafen und heute früh ist es auch wieder richtig schön warm, kurze Hosen sind angesagt. Wir fahren am Fraser River entlang und halten an einen seinen vielen Canyons. Hier an dieser Stelle ist mal ein Auto abgerutscht, meint Sam, wir gehen vorsichtig bis zum Rand. Der Fraser River, benannt nach dem Pelzhändler und Entdecker Simon Fraser, ist mit ca. 1300 km Länge der Größte in British Columbia, beginnt beim Mount Robson und mündet bei Vancouver in den Pazifik. Doch bevor wir Vancouver erreichen, erkunden wir den kleinen verschlafenen Ort Lillooet. Ein Jademuseum, ein Goldgräbermuseum und einen guten Kaffeeshop hat dieser Ort. Auch die Truckfahrer halten hier an. So langsam wird die Gegend wieder grüner und bergiger. Wir nähern uns den Coast Mountains. Am Duffey-Lake bitten wir Sam für einen Fotostopp zu halten, denn so wunderschön wie sich der See mit der Bergkette zeigt, wäre es sträflich, einfach vorbei zu fahren. Die Beine vertreten wir uns heute an den drei Joffre Lakes. Dieses Gebiet scheint sehr beliebt zu sein, wir sind nicht die Einzigen. Ca. 6 km und 500 Höhenmeter geht es erst durch den lichten Tannen- und Douglasienwald am Lower Lake vorbei. Der Trail ist sehr abwechlungsreich und eine Freude für jedes Wanderherz. Am Middle Lake kann Inga dem blauen Leuchten nicht widerstehen, schreckt aber dann doch vor der eisigen Kälte zurück. Am tosenden Gebirgsbach vorbei und über Stock und Stein nähern wir uns dem Upper Lake. Dort eröffnet sich uns ein fantastischer Rundumblick auf die Bergkette. Der Matier Gletscher, der früher den Upper Lake bedeckt hat, lässt nur noch kleine Rinnsale in den See fließen. Ich sitze auf den Steinen und bin überwältigt. Diese Wanderung ist für mich die bisher Schönste. Als ob die Natur sich selbst überbieten will, jeden Höhenmeter zeichnet sie mit neuen Farben und Formen, dazu das Rauschen des Wassers, der Duft der Blumen, das Harz der Bäume, das Pfeifen der Pikas, mir gehen die Superlative aus. Diese vielen einmaligen Augenblicke in dieser grandiosen Natur, die uns Mutter Erde schenkt, dies zu erleben, zu spüren und für immer im Herzen zu bewahren, das war das Ziel meiner Reise. So völlig versunken merke ich garnicht, wie schon fast alle den Rückweg angetreten haben. Egal, es gibt ja nur einen Weg hin und zurück, verlaufen kann man sich hier nicht. 

Unsere Zelte schlagen wir für zwei Nächte bei Whistler auf einen steinigen Campingplatz auf. Leider gibt es immer einige, die was zum Meckern haben, aber davon wird der Platz auch nicht besser. Es ist abends noch schön warm und Inga liest uns wieder etwas aus ihrem Reisetagebuch vor, diesmal ihre Begegnung mit der Klapperschlange. 

Da es nachts wieder geregnet hat und auch früh nicht aufhören will, entscheiden Doro, Hanna, Oliver und ich, die heutige Wanderung nicht mitzumachen. Dafür erkunden wir Whistler, 2010 Austragungsort der olympischen Winterspiele. Der Ort mit seinen Sportstätten und touristischer Einkaufsmeile ist schnell erkundet, uns zieht es aber ins das einzigarte Museum der First Nation.  „Das Squamish Lil'wat Cultural Center (SLCC) ist das erste seiner Art in Kanada. Zwei Nationen kamen zusammen, um ihre Kulturen mit der Welt zu teilen, während sie gleichzeitig den Mitgliedern der beiden Nationen Squamish Nation (Coast Salish) und Lil'wat Nation (Interior Salish) bedeutende Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnen. Der SLCC wurde entworfen, um die Form eines Squamish Longhouse und Lil'wat Istken (irdene Wohnung) zu erwecken, und verkörpert den Geist der Partnerschaft zwischen zwei einzigartigen Nationen, die ihre traditionellen Kulturen bewahren, wachsen und teilen wollen.“ (O-Ton der Webseite des Museums). Wir dürfen eintauchen in die unbekannte wie auch spannende Welt der beiden First Nation, wie sie früher waren und heute sind. Bleibt nur zu hoffen, dass sie ihre Werte, die im Einklang mit der Natur stehen, in Zukunft bewahren und wieder ausbauen können. Die Welt hätte dies bitter nötig. Den Abend beschließen wir beim Mau-Mau-Spiel mit Hot Canadian. (Ich will ja nicht angeben, but I am winner).

Als wir die Zelte am nächsten Morgen in einer Regenpause abbauen, bleibt überall ein heller trockener Fleck auf dem Boden zurück. Oliver bekommt kaum seine Heringe raus, zu fest sitzen die noch zwischen den Steinen. Heute geht es nach Vancouver. Eigentlich will Hanna den letzten Tag vorne neben Sam sitzen, aber da war jemand schneller. Von der zweiten Bank aus kann man aber auch gut fotografieren. Der Highway ist bis Vancouver für ein Radrennen zur Hälfte gesperrt. Uns kommen Hunderte von Radfahrern auf der 120 km langen Strecke entgegen. Auf halber Strecke erhaschen wir zwischen den Bäumen einen ersten Blick auf den Ozean bzw. die Inside Passage. In Vancouver angekommen, verabschieden wir uns nach zwei gemeinsamen Wochen von Hanna, Magda und Inga. Dafür sollen 5 neue zu uns stoßen. Brigitte aus der Schweiz lerne ich zuerst kennen, wir teilen uns ein Zimmer im Hotel. Nachdem ich ein erholsames Wannenbad genossen habe, gehen wir mit Irene abends gut essen, ich nehme natürlich wieder ein kanadisches Steak, die sind wirklich unübertrefflich und oberlecker. Schon dafür allein liebe ich Kanada.  

 

03.-05.09.2018 Abschied von den Rockies und durch das Highland von British Columbia 

Nur der Ordnung halber, wir packen wieder nasse Zelte ein. Diesmal geht es aus Alberta raus nach British Columbia, wir müssen die Uhr um eine Stunde vorstellen. Die letzte Wanderung in den Rockies führt uns am Robson River durch einen urigen Zedernwald zum Kinney Lake. Da es hier viel regnet, können diese Bäume prächtig gedeihen. Mir tut der Nacken weh, als ich die Kronen fotografieren will. Die dickfaserigen grau- bis rotbraunen Stämme sind kerzengerade, daraus wurden früher die Kanus gefertigt. Der Mount Robson, mit 3954 m der höchste Berg in den kanadischen Rockies, versteckt sich zwar hinter einer Wolkenmütze, trotzdem genießen wir unseren Lunch zu seinen Füßen. Eine Bootssafari auf dem Blue River versprich uns zwar Bären, 100-150 Schwarzbären soll es hier in diesem Regenwald geben, aber wir haben leider kein Glück. Trotzdem genießen wir die etwas andere Sicht auf diese grandiose Berglandschaft. Unsere Zelte stellen wir dann schon fast im Dunkeln bei Cleanwater auf einer großen Wiese hinter einem Golfplatz auf. 

Nun im Wells Gray Provincial Park (PP), führt uns Sam am nächsten sonnigen Tag zu einem ganz besonderen Wasserfall, dem Moul Fall. Da könnte man hinter dem 35 m hohen Wasserfall lang gehen, was wir aber aufgrund kleiner Erdrutsche dann doch nicht wagen. Da der Campingplatz über eine Waschmaschine nebst Trockner verfügt, klinke ich mich bei der Nachmittagstour aus. Während meine Klamotten gewaschen und getrocknet werden, döse ich ganz für mich allein in der Sonne, lass Körper und Seele baumeln, auftanken der besonderen Art. Nach dem Abendessen, Sam hat uns mit einer leckeren Nudelfleischpfanne und frischen Salat verwöhnt, spielen Inga, Uwe und Oliver mit der Frissbee-Scheibe, mit Magda stoße ich auf den sonnigen Tag an. 

So warm wie es am Tage war, so kalt ist es nachts, um 01 Uhr bin ich vom Sternenhimmel berauscht, früh sind die Zelte weiß und steif. Sam schmunzelt über uns Frostbeulen und versorgt uns mit heißen Kaffee und Tee. Der Platz vorne neben Sam ist heiß begehrt, heute setze ich mich dort hin. Eine fast schnurgerade, bis zum Horizont reichende Straße, darauf sehen die großen Trucks in der Ferne wie Spielzeugautos aus, und alles eingerahmt durch eine mich immer wieder faszinierende und sich ständig verändernde Landschaft. Wir lassen die Berge und Wälder hinter uns und fahren durch ein wüstenähnliches schroffes Hochland, Felder werden großflächig beregnet, Wein wird angebaut, kilometerlange Containerzüge schleichen am Fluss entlang. Wir machen oberhalb des 29 km langen Kamloops Lake in der heißen Sonne Rast. Sam meint, wir sollen auf Klapperschlangen achtgeben. Dass wir auch auf Kakteen aufpassen sollen, hat sie nicht gesagt, ich spüre sie unsanft an meiner Wade, zum Glück nicht wo anders. Am zeitigen Nachmittag kommen wir im historischen Museumsdorf „Hat Creek“ an, es zeigt das Leben der Shuswap Nation und der Goldgräberzeit. Inga und Oliver begegnen auf ihren Spaziergang um das Camp dann wirklich Klapperschlangen. Mit den beiden und Magda ziehe ich für eine Nacht in einen historischen Planwagen. Dort liest uns Inga aus ihrem Reisetagebuch vor, wobei sie so manche Episode ziemlich lustig beschreibt. Über ihre „Rentnertruppe“ muss ich schmunzeln, es ist schon interessant, die gemeinsamen Erlebnisse aus einer anderen Sichtweise zu erfahren. 

Von den 20 Tagen haben wir die Hälfte geschafft, haben viel gesehen und erlebt, haben die Macken der anderen kennengelernt und uns zusammengerauft. Ich fühle mich pudelwohl, zufrieden schlafe ich im Planwagen ein, hier ist es warm und trocken.     

 

31.08.-02.09.2018 im Jasper NP und auf dem Icefields Parkway

Als ich nachts um 3 Uhr den weiten Weg vom Klo zurückkomme, stehe ich auf einmal vor einem anderen Zelt, meine Stirnlampe wird wohl langsam schwächer und da bin ich zu früh abgebogen. Es ist verdammt kalt, also wieder schnell rein in den Schlafsack. Das Gewusel beim Frühstück stört mich ein wenig, alles steht durch einander, jeder versucht etwas zu greifen, meistens wird im Stehen gegessen. In Ruhe meinen Kaffee trinken geht nicht. Egal, ich verfeinere mein Müsli mit Kakaopulver, bevor ich das heiße Wasser rüber kippe. Danach wasche ich mit Doro und Irene das Geschirr ab. Heute bauen wir wieder die nassen Zelte ab. Es hat zum Glück nur nachts geregnet. Beim ersten Stopp decke ich mich mit Taschentüchern und Hustenbonbon ein. Auch der heiße Tee, den wir uns täglich früh in den Thermoskannen füllen, hilft bei dem regnerischen Wetter. Wir fahren auf dem Icefields-Parkway (Highway 93) in Richtung Jasper. Dieser ist berühmt für seine atemberaubende Landschaft. Entlang der Strecke gibt es über 100 uralte Gletscher, Wasserfälle, die sich über dramatische Felsen ergießen, und weite Täler mit türkisfarbenen Seen. Wir halten kurz am Bow Lake, dahinter erheben sich der Crowfoot-Gletscher (ein Gletscher, der aussieht wie drei Zehen, davon ist einer aber schon weggeschmolzen) und der Bow Gletscher. Der Wind reizt mir fast die Kamera aus der Hand, fast jeder von uns hat die warme Wollmütze auf. Weiter geht es zum Aussichtspunkt oberhalb des Peyto Lake, ich finde, der schönste See hier, da er eine ganz besondere Form hat. Doch keiner von uns kommt darauf, dass er wie ein Wolf aussehen soll. Der Peyto-Gletscher reichte früher bis zum Seeufer, heute ist er nur noch halb so groß. Während unserer Mittagsrast an einer der vielen guten Parkplätze finde ich dann endlich meinen Bären, klein, aber besser als gar keinen. Unsere heutige kleine Wanderung führt auf dem Parker Rigde Trail hoch auf eine baumlose weite und windige Ebene, mit einem umwerfenden Blick zum Saskatchewan Gletscher und dessen tiefem Taleinschnitt. Einsetzender Hagel lässt uns aber nicht lange verweilen. Kurz vor Jasper queren eine Herde Bighornschafe den Highway und laufen genau hinter uns rüber. Am späten Nachmittag erreichen wir bei Jasper den wie ich finde schönsten Campingplatz. Die einzelnen Plätze sind übersichtlich angelegt, die wenigen Bäume lassen den Blick frei auf den Spielplatz und die guten Sanitärhäuschen. Ich staune nicht schlecht, als ich sehe, wie Oliver sein Zelt mit einem Handfeger ausfegt. Mein Zelt hätte dies auch nötig, aber deshalb nehme ich doch keinen Handfeger mit. Oliver klärt uns aber nach einer Weile schmunzelnd auf, es ist der Feger aus Sam`s Auto, der nun die Runde macht. Als ich nach dem Duschen in Ermanglung eines Föns meinen Kopf unter dem Händetrockner halte, kommt Irene mit ihrem Fön und erlößt mich aus der unbequemen Lage. Magda hackt unter Anleitung von Uwe Holz für uns, zum Glück geht alles gut. Am Feuer, bei Tee, Bier und Marshmallows sitzen wir dann gemütlich beisammen. Außer unsere Küken Hanna und Inga waren fast alle schon viel auf Reisen, Marlies mit Wikinger in Nepal, Magda in Peru auf dem Inka-Trail, Uwe in Norwegen und Alaska, Irene müsste aufzählen, wo sie noch nicht war. Oliver ist genau wie ich im Sabbat und war vorher in Ecuador und auf den Galapagos Inseln. Danach will er noch nach Las Vegas. 

Reisen, die Wunder dieser Welt mit eigenen Augen sehen, das nenne ich Leben. Schön, dass es noch mehr von meiner Sorte gibt. 

Am Weltfriedenstag begeben wir uns nicht auf eine Demo, nein, mit Hanna und Uwe möchte ich gern reiten. Sam setzt uns an der Ranch ab und wenig später sitzen wir im Sattel. Ich gebe ja zu, wir sind über die Holztreppe auf`s Pferd rauf, für uns Anfänger entschuldbar. Vorneweg unsere Guide, dahinter Hanna, dann ich auf den gescheckten Shadow und zum Schluss Uwe. So traben, nein, gehen wir durch den Wald, über Stock und Stein, einen schmalen Weg am Hang und über grüne Wiesen. Shadow gehorcht mir auf den kleinsten Fingerzeig mit den Zügeln, bergab lehne ich mich selbstsicher nach hinten, er sucht sich seinen Weg, kennt ihn bestimmt schon wie im Schlaf. Die Kamera durfte ich nicht mitnehmen, doch mit dem Handy mache ich ein paar Fotos, auch wenn ich dabei die Zügel nur in einer Hand halte. Einmal bin ich zu sehr auf die Kamera fokussiert und sehe den Zweig nicht rechtzeitig, zum Glück habe ich einen Helm auf. Dass dies ein einmaliges Erlebnis ist, brauche ich ja wohl nicht betonen, wie heißt es doch so schön: „Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“. Ich jedenfalls hatte für drei Stunden mein Glück gefunden.   

Den Tag rundet ein Abend am Feuer bei der anderen Timberwolf-Gruppe ab. Mit Uwe lerne ich hier „Hot Canadian“ und so manch lustige Anekdote kennen. Ein Ehepaar aus der Schweiz lebt seit 15 Jahre in Kanada und will so das Land noch besser kennen lernen. Dann stellt sich heraus, dass Max, der Jüngste dieser Truppe, nach mir mit Simon auf dem Yukon war. Wie klein ist doch die Welt. 

Am nächsten Morgen bekommen wir Besuch von einer Wapitifamilie. Sie gehen ganz gemächlich zwischen unseren Zelten über das Camp, der stolze Hirsch mit seinem großen Geweih immer beschützend seinen Frauen hinterher, die Augen sorgsam auf alles gerichtet. Leider kommt eine Rangerin und geleitet sie ziemlich energisch aus dem Camp. Wir machen uns auch auf und fahren zum Columbia Icefield, da wollen wir aber nicht hin sondern auf den gegenüberliegenden Berg, den Wilcox Pass hoch. Von dort haben wir eine fantastische Aussicht auf die ganze riesengroße Gletscherwelt. Uns fast in Augenhöhe liegen der Saskatchewan-, der Athabasca-, der Dowe- und der Columbia- Gletscher (von links nach rechts). Diese zusammen bilden das Columbia-Eisfeld. Es ist eine der größten Ansammlungen von Eis südlich des Polarkreises. Seine Fläche beträgt ca. 300 km², die Dicke 100 bis 350 m. Winzig klein, wie Ameisen, sehen die Menschen auf dem Athabasca-Gletscher aus. Da sich hier auch der Wasserscheidepunkt befindet, fließen die verschiedenen Flüsse, die von diesem Eisfeld gespeist werden, nach Norden in den Arktischen Ozean, nach Osten in die Hudson Bay und damit Atlantik und nach Süden und Westen in den Pazifik. Der „Snow Dom“ ist der Punkt, wo sich der „Bär entscheiden muss, in welchen Ozean er pinkelt“ (O-Ton von Sam). Im Besuchercenter zeigt eine Animation, dass im Jahre 2100, also in weniger als 90 Jahren, nichts mehr von dem Eisfeld zu sehen sein wird.

Nichts ist wie es war, nichts bleibt wie ist, alles ändert sich. 

 

29.-30.08.2018 Lake Louise und Yoho NP 

Als ich pünktlich um 7:30 Uhr zum Frühstück erscheine, haben schon einige ihre Zelte abgebaut. Habe ich etwas verpasst? Nein, das waren nur unsere Frühaufsteher, keine Hektik aufkommen lassen, wir sind ja schließlich im Urlaub. Mit gut gefüllter Lunchbüchse im Rucksack und alles andere wieder im Hänger verstaut, fahren wir auf dem Highway weiter Richtung Norden und machen am überfüllten Lake Louise (1661m übern Meeresspiegel) halt. Ein Foto nur vom See zu schießen, ohne Menschen, ist fast unmöglich, aber machbar. Die Sonne versteckt sich noch hinter dicken grießkrämigen Wolken, lässt keine schönen Fotos zu. Den besten Platz am See hat man im 5-Sterne Hotel „Chateau Lake Louise“. Davor ein kleines Denkmal: Wer hat das Bergwandern erfunden? Die Schweizer waren’s. Mit Hilfe von Schweizer Bergführern wurden vor über 100 Jahren die kanadischen Rockies, am Lake Louise beginnend, so nach und nach touristisch erschlossen. Wir haben dafür unsere persönliche Schweizerin Irene mit. Der Lake Louise, nach einer Tochter der Königin Viktoria benannt, ist über 2 km lang und ca. 500 m breit. Die türkisblaue Farbe des Sees stammt von Steinmehl, das von Gletscherschmelzwasser in den See gespült und auch als rock flour oder glacial flour bezeichnet wird. Doch die Gletscher im Hintergrund haben sich auch hier schon sehr weit zurückgezogen. Wir wandern ca. 500 Höhenmeter hinauf am Teehäuschen vorbei auf einen kleinen Gipfel mit herrlicher Sicht auf dem See unter uns und die ihn einrahmende Bergkulisse. Einmalig, atemberaubend, wunderschön, Worte, die nur annähernd dieses Panorama beschreiben können, zumal die Sonne sich jetzt auch blicken lässt. Ich kann einfach nur stehen, schauen, staunen und schweigen. Doch dabei muss ich auch hier aufpassen, dass sich kein Streifenhörnchen an meinen Rucksack bedient. Sam zeigt uns ein kleines Heft, mit dem wir die Tiere, die wir sehen, bestimmen können. Wieder runter auf dem Parkplatz sehen wir einige gelbe Schulbusse. Nicht das hier ein Schulausflug ist, nein, diese dienen als Shuttlebus von den anderen weiter entfernten Parkplätzen. Unser zweiter Stopp ist am Moraine Lake (1884m), er ist zwar kleiner, hat aber, so finde ich, ein kräftigeres Türkisblau als der Lake Louise. Zwar lässt uns Sam diesmal nicht viel Zeit, doch zum hochkraxeln und wieder Bauklötzer staunen reicht es. Im Nieselregen erreichen wir den riesengroßen Campingplatz bei Lake Louise, stellen schnell die Zelte auf und dürfen hier endlich wieder ein Feuer anmachen. Die Angst Einiger vor Bären legt sich etwas, als sie erfahren, dass das Camp mit einem Elektrozaun umgeben ist. Mit Hanna und Inga helfe ich Sam beim Abendbrot zubereiten, das Nudelwasser wird aber nicht einfach in die Büsche, wie wir es in Deutschland machen würden, sondern in den Abfluss gekippt. Auch Kaffeegrund, Apfelreste und Bananenschalen gehören nicht in den Wald. Diese würde die Bären oder andere Tiere anlocken. Und auch hier bringen wir zum Abend unsere Beutel mit Essen und Waschtasche in den Hänger, so dass nichts im Zelt bleibt, was die Nase eines Bären anlocken könnte. 

Da Doro in ihrem Sommerschlafsack die letzten Nächte gefroren hat, bekommt sie von dem anderen Gruppenguide einen Daunenschlafsack ausgeliehen. Auch Hanna und Magda kämpfen nachts mit der Kälte. Mein Schlafsack hält was er verspricht, meine drei Isomatten ebenfalls. Doch leider ist der Zeltboden nicht ganz wasserdicht, jedenfalls ist jeden Morgen die Isomatte am Boden klitschnass, auch bei den anderen. Magdas Zelt ist völlig nass, sie bekommt ein anderes. 

Dies hält uns aber nicht vom Wandern ab, diesmal fahren wir über den Kicking Horse Pass in den Yoho-NP, den kleinsten in den Rockies, zum Emerald Lake. Hier erklärt uns Sam, dass man bei Ausgrabungen vor über 100 Jahre im nahegelegenen Steinbruch Burgess-Schiefer sehr gut erhaltene Fossilien, die über 505 Millionen Jahre alt sind, gefunden hat. Damit ist der Burgess-Schiefer eine der weltweit bedeutendsten Fossillagerstätte und zählt zum Weltkulturerbe der UNESCO. Leider finde ich keine Fossilien, trotzdem ist es schon beeindruckend, was die Erdgeschichte so alles preisgibt. Unser Weg führt uns vom See weg erst durch ein breites fast baumloses Geröllfeld, dann einen steilen Aufstieg zu einem kleinen Wasserfall hoch. Im Frühjahr stürzen sich hier weitaus mehr Wassermassen runter und überschwemmen das Geröllfeld dann zu einem breiten Fluss, der in den Emerald Lake mündet. Da ich notgedrungen auf mein Knie hören muss, entscheide ich mich hier, diesmal allein, wieder umzukehren. Die anderen wollen noch weiter hoch bis zum nächsten Wasserfall. Bewaffnet mit dem Bärenspray von Sam und einer Bärenglocke am Schuh begebe ich mich allein auf den Abstieg. Langsam, immer wieder staunend schauend (auch ob kein Bär in der Nähe ist), die Felsen berührend, durchs Wasser watend, genieße ich es, den Weg ganz für mich allein zu haben. Nichts und niemand stört meine Zwiesprache mit den Rocky Mountains. 

An einer ruhigen Stelle am See habe ich dann alle Zeit der Welt und die Welt für mich: Diese grandiose Kulisse vom ruhigen blauem Seespiegel, eingerahmt von den satten Grüntönen der Wälder, darüber dem schroffen Grau und feinen Weiß der Berghänge und dem alles umspannendem Blaugrauschimmer des Himmels, die Spiegelungen dessen wieder im stillen Wasser, ein geschlossener harmonischer, sich ständig in Bewegung befindlicher Kreislauf von Wasser, Erde und Luft, wie ihn nur die Natur zu erschaffen vermag … und dazu nicht der Menschheit bedarf …    

Abends sitzen wir dann noch lange am Feuer, auch, weil wir auf Inga warten, die den Weg von Visitercenter nicht zu uns zurückfindet. Sam und Doro spüren sie dann im Dunkeln auf dem unübersichtlichen Camp irgendwo im Bereich B auf, wir zelten aber im Bereich D.

Größe und Weite müssen hier neu definiert werden.  

 

26.-28.08.2018 im Banff-Nationalpark (NP)

Nun ist es endlich so weit, eine neue Etappe beginnt, diesmal mit neun fremden, aber genauso wie ich, erwartungsvollen Menschen. Als Guide von Timberwolf Tour stellt sich Samatha, kurz Sam vor, eine junge Kanadierin. Meine neuen Weggefährten sind Magda aus Polen, Irene aus der Schweiz, Dorothea, kurz Doro aus Weimar, Marlies aus Düsseldorf, Hanna aus Lübeck, Inga aus Münster, Oliver aus Berlin und Uwe mit Frau auch aus Berlin. Den letzten Abend in Calgary für mich, und unser erster gemeinsamer Abend, beschnuppern wir uns beim Dinner, ich genehmige mir noch einmal ein saftiges kanadisches Steak, weiß ja nicht was ich die nächsten 3 Wochen bekomme.  

Wir wollen den kanadischen Teil der Rocky Mountains erkunden, einen kleinen Teil der größten Gebirgskette Nordamerikas, die sich von New Mexiko bis nach Alaska erstreckt. 

Pünktlich um 9 Uhr packen wir vor dem Hotel den Kleinbus und Hänger voll, damit wird Sam uns nun die nächsten 3 Wochen durch die Rocky Mountains kutschieren. Wir fahren den Trans Canada Highway 1 in Richtung Banff Nationalpark, dem ältesten Nationalpark Kanadas. Auf den Berggipfeln zeigt sich der erste Schneepuder. In Canmore, der Heimatstadt von Sam, kaufen wir die letzten wichtigen Dinge ein. Nachdem ich die dünnen Isomatten auf dem Hänger gesehen habe, leiste mir noch eine zweite Isomatte, man kann ja nie wissen. Kurz vor Banff biegen wir zu unseren Campingplatz im Wald ab. Sam zeigt uns, wie man die Zelte aufbaut. Diesmal in Grün und etwas größer als die am Yukon. Außer das Berliner Pärchen und die beiden Küken Hanna und Inga habe wir jeder ein Zelt für uns allein, mit Doro teile ich mir einen Stellplatz und wir bauen gemeinsam unsere Zelte auf.

Unsere erste kurze Wanderung beginnt nach dem Lunch am Minnewanka Lake: spiegelglatt, türkisblau, mit kleinen Perleninseln geschmückt, umrahmt von grün-grau gemeißelten Berghängen, einige mit Gletscher bedeckt, vereinzelte schneeweiße Wolken ziehen am blauen Himmel, ich atme tief durch, ein wunderschöner Auftakt in den Rocky Mountains. Wir wandern erst an See entlang und folgen dann durch den Wald einem tief im Berg eingeschnittenem Zufluss, den Stewart Canyon. Wegen Bärenalarm können wir einen Weg nicht nehmen. Vor ein paar Tagen wurde hier ein Bär gesichtet. Aber der ist bestimmt schon über alle Berge. Dafür zeigt sich uns ein anderer pelziger Geselle, ein Least Chipmunk, ein kleines Streifenhörnchen, es ist nur ca. 20 cm groß und wird uns noch öfters begegnen. Obwohl es nicht mehr sehr warm ist (von früh 7 Grad auf nun 15 Grad), lässt die Sonne alles erstrahlen, in Banff bummeln wir durch die vollen Straßen (einige kaufen die ersten Andenken), genießen den Ausblick zum Sanson Peak (2270m) und gegenüber zum markanten Mount Norquay (2515m), finden bei Starbucks guten Kaffee und Wifi. Zurück im Camp wird das Abendessen vorbereitet, die Hühnchen mit Reis und Salat schmecken vortrefflich. Leider dürfen wir wegen Waldbrandgefahr kein Feuer machen, dies hätte dem Tag einen schönen Abschluss gegeben. Zu meinem Erstaunen sind dann auch nach dem Essen alle in ihre Zelte verschwunden, ich schiebe es auf dem Jetlag, den sie erstmal ausschlafen müssen und krabble ebenfalls in meinen Schlafsack.

 

Der 1. Tag mit neuer Gruppe lief ganz gut an. Doch eins muss ich jetzt schon loswerden: Ich hatte eine Wanderreise mit deutschsprachiger Reiseleitung gebucht, da mein Englisch nicht so gut ist und ich gern alle ausführlichen Erklärungen über Land und Leute verstehen möchte. Sam kann etwas deutsch, erklärt aber das meiste in Englisch. Alle anderen verstehen sie mehr oder weniger und stellen auch ihre Fragen auf Englisch, so dass Sam logischerweise auch auf englisch antwortet. Mit diesem Problem muss ich nun in der nächsten Zeit irgendwie fertig werden (aber da habe ich schon ganz andere Dinge gemeistert).

Der nächste sonnige Tag verspricht eine Tageswanderung über die Baumgrenze hinaus zum Bourgeau Lake unweit von Banff, auch hier ist ein Plakat mit aktueller Bärenwarnung. Wir starten bei ca. 1300 Höhenmeter. Der See liegt ca. 2000 m hoch. Sam hat ein Bärenspray mit, bei einer klingelt permanent die Bärenglocke am Schuh, ich möchte einen Bären in angemessener Entfernung fotografieren, ohne dass Sam das Spray benutzen muss. Eine eigentlich lösbare Aufgabe, wenn ein Bär mitspielt. Doch erstmal geht es in Serpentinen am Wolverine Creek entlang durch den Wald. Anstelle eines Bären sehe ich Eichhörnchen zwischen den Bäumen, bewundere den sich selbst überlassenen intakten Kreislauf der Natur und tanke meine Lungen mit frischer Bergluft. Bei dem Gedanken, das ich hier gerade mitten durch die grandiosen Rocky Mountains wandere, atme ich noch tiefer ein. Die Jacke, die ich unterwegs ausgezogen habe, ziehe ich am See wieder über. Ein unangenehmer Wind weht über die baumlose Landschaft, ich hüpfe von Stein zu Stein ans Ufer. So klar wie der See funkelt, so kalt ist er auch. Auch ich setze hier die von Sam geschenkte Wollmütze auf und freue mich über die Schneeziegen hoch oben am Berg. Die andere Gruppe von Timberwolf Tour hat uns eingeholt, sie machen die 1. Woche genau die Touren wie wir, fahren dann aber die zweite Woche mit dem Kanu den Athabasca River entlang. Den weiteren Aufstieg mit nochmal 200 Höhenmetern durch das Geröllfeld verkneife ich mir. Gemeinsam mit Marlies, Irene und Hanna steige ich langsam ab, mein Knie muss noch die nächsten Wochen durchhalten. Vernunft siegt (manchmal) über Abenteuerlust. Beim Abstieg entdeckt Hanna ziemlich weit oben im Fels etwas weiß-graues, in der Kamera ist es als Mountain Goat, als Bergziege zu erkennen.   

Den Abend krönt ein Ausflug zu den Hot Springs, ein schwefelhaltiges Freibad. Marlies lässt sich trotz der Massen einfach auf dem Wasser treiben, Inga will als ehemalige Leistungsschwimmerin ihre Bahnen ziehen, doch dafür reicht der Platz nicht aus. Gemeinsam genießen wir das heiße Bad und haben unseren Spaß. So langsam tauen alle auf, mit Magda, Uwe und Oliver sitze ich dann auch noch gemütlich auf dem Campingplatz zusammen. Das waren die ersten 3 Tage in Banff, morgen geht es weiter durch die Rockies.