Zum zweiten Mal in Mals im Vinschgau


26.08.2017 Mals im Vinschgau

 

Es waren wieder zwei fantastische Wochen bei Marion und Goggo, voller schöner Erlebnisse und Begegnungen. Zum Glück das ich alles aufschreibe, sonst würde ich bestimmt die Hälfte bei den vielen Dingen vergessen. Aber nicht vergessen werde ich meinen Geburtstag, der war der schönste in den letzten Jahren. Peggy kam zu meiner Freude extra nach Mals gereist und blieb ein paar Tage. Da Marion und Goggo nur Montags frei haben, "gaben" sie mir ihr Geschenk schon einen Tag vorher. Das hieß aber zeitig, also schon um 3 Uhr aufstehen und nach einer kurzen Anfahrt zur Seilbahn (1750 hm) in ca. zwei Stunden hoch zum Watles (2555 hm) wandern. Der Watles ist hier der Hausberg und auch im Winter als Abfahrtsberg viel genutzt. Fast noch im Dunklen, als einzige auf dem steilen Weg sind mit mir Goggo, Marion, Hanna und Peggy bis zum Gipfelkreuz. Sogar die Kühe waren noch im Stall. Den Sonnenaufgang konnten wir wegen Nebel nicht am Gipfel, dafür aber etwas tiefer genießen, gewürzt mit den morgenlichen Grüßen vom Ortler und vom Föllakopf (auf den ich im Juli mit Goggo war). Wäre es nicht so unangenehm kalt und windig, wären wir noch länger geblieben. So sind wir bis zur Plantapatschhütte runter und da, ihr werdet es nicht glauben, wurden wir mit einem exelenten Sektfrühstück empfangen. Ich war überwältigt. Dies war die Belohnung für uns alle nach der gemeinsamen Gipfelbesteigung. Die Sonne hatte mittlerweile die Kühe aus dem Stall und die ersten Wanderer raus gelockt, doch wir ließen uns das Frühstück ausgiebig schmecken. Mit vollem Magen wieder wandern gehen, das fällt wohl jedem schwer, Goggo hatte dafür eine coole Lösung: Mit dem Watles-Rider, kleine Autos wie auf der Kartbahn, ging es den kurvigen Schotterweg in rasanter Fahrt bis zur Talstation der Seilbahn runter. Wir waren alle happy und wären gern noch mal runter gerauscht. Den Nachmittag bin ich mit Peggy zur Laaser Marmorfabrik. Eine gebürtige Brandenburgerin erzählte uns viel Interessantes über den berühmten weißen Marmor, der hier schon seit über 100 Jahre behutsam gefördert wird und in der ganzen Welt gefragt ist. Riesige weiße Blöcke türmten sich vor uns, einen kleinen Würfel hat Peggy mir geschenkt. Abends feierten wir alle beim Sommerfest in Mals und stießen um Mitternacht richtig an. Die weiteren Geschenke waren wie das berühmte Sahnehäupchen und ich sprachlos glücklich. Übrigens hat ganz Italien am sogenannten Ferragosto mit mir gefeiert.

Bevor Peggy wieder zurück fuhr, sind wir zur kleinsten Stadt in Südtirol nach Glurns gewandert, berühmt durch seine vollständig erhaltene Stadtmauer, und ließen die Südtiroler Sonne im Schwimmbad auf uns wirken. 

Ansonsten war wirklich viel los, hier aber nur in Kürze zusammengefasst:

- Weinverkostung und Weineinkauf in Bozen und auf einem Weingut mit Marion,

- gemütliche Wanderung auf dem Sonnensteig an den Waalwegen entlang, das sind kilomterlange  

   Wasserkanäle zur Bewässerung, genau wie die Levadas auf Madeira

- Wanderung mit Goggo und Hanna zur Schlinigalm, der Käse von dort schmeckt wirklich lecker

- spritzige Raftingtour mit Hanna auf der Passeier bei Meran (mit Videoaufnahmen als Beweis)

- Besuch der berühmten internationalen Ritterspiele in Schluderns, Honigbier und Rittersteak

   probiert,

  Falkenschau und Ritterkämpfe gesehen und alle beim historischen Umzug bewundert,

- beim Countryfest in Prad den Linedance probiert, aber kläglich gescheitert (sollte ich wohl im Winter

   wieder mal probieren) 

- drei-Tages-Tour in den Bergen rund um den Ortler: Start in Sulden durch den Wald über die

  Hängebrücke zur Hintergrathütte, dabei hoch oben die Yaks von Reinhold Messner getrofffen,

  zweiten Tag auf dem Höhenweg über die Tabarettahütte (zum Mittag riesengroßen Kaiserschmaren

  verdrückt) bis zur 3020 hm hohen Payerhütte hoch, den Ortler zum Greifen nah, den dritten Tag

  1500 Höhenmeter nach Trafoi steil runter (die Knie haben es gottseidank durch gehalten)

 

Sorry, wenn ich nicht ausführlicher schreibe, aber ich bin heute schon wieder am packen, denn morgen fängt  mein 2. Teil der Tour an, morgen fahre ich nach Verona zur Oper und danach weiter nach Rom. Die Klettersachen werden also eingetauscht gegen Rock und Bikini. Ich melde mich dann wieder und wenn Zeit ist, werde ich auch den oberen Teil ausführlicher nacharbeiten, versprochen. ;)    

 

Der Ortler

Auch wenn ich den Gipfel zwar immer wieder im Auge aber nicht unter meinen Füssen hatte, so war diese Zeit in der Höhe wieder ein bleibendes Erlebnis. Ich genoss die stille Einsamkeit am Morgen genauso wie die sprudelnde Fröhlichkeit der anderen Wanderer, den weiten Blick über die Gipfel sowie auf den steilen Pfad. Und auch wenn diesen Spruch schon jeder kennt, aber in den Bergen bewahrheitet er sich immer:

 

                            Der Weg ist das Ziel 

 

26.08.2017 Drei-Tages-Tour um den Ortler

Hier nun wie versprochen mein ausführlicher Bericht, für euch zum lesen und für mich zum nochmal erleben. Am Mittwoch habe ich in Sulden nahe der Talstation des Langensteiner Sesselliftes Onkel Tom abgestellt und meine Wanderschuhe geschnürt. Hinter der Kirche bin ich dann in den Wald eingetaucht. Ja wirklich eingetaucht, denn ab den ersten Metern ließ ich das geschäftige Treiben hinter mir und schritt leichtfüßig und fast in Vorfreude singend (es war keiner in der Nähe, der mich hören konnte), den schmalen Waldweg entlang. Ab und zu konnte ich durch die Baumkronen die immer kleiner werdende Stadt sehen, nach einer Weile auch die gegenüber liegende Bergkette, von dessen Schulter mich die Düsseldorfer Hütte grüßte, zu der ich im Juli meine neuen Wanderschuhe ausgeführt hatte. Ein Stück hinter der neuen Holzbrücke, nun fast baumfrei, erhob sich mein Blick und blieb immer wieder an neuen Ausblicken hängen. So konnte ich schon von weiten die Hängebrücke am Wasserfall bestaunen und die Spielereien der kinderreichen Gruppe vor mir belächeln. Sie brachten die nur 1,50 m schmale und 44 m lange Brücke fast zum Schaukeln und wurden dabei von den ins Tal rauschendem Wassergeistern erfrischt. Auch nur unter meiner Leichtfüßigkeit gab die Brücke bei luftigen 22 m über den Abgrund im gleichmäßigem Rythmus nach, ließ mich aber zum Glück nicht hängen. Nach dieser schaukelnden Einlage ging es nun steil und im Wind den Fels hoch. Irgendwann fast auf gleicher Höhe mit der rechter Hand liegenden Mittelstation der Suldener Kabinenbahn, dann ließ ich auch diese unter mir und näherte mich einem breiten Grasrücken. Kaum war ich drauf, wollte ich meinen Augen nicht trauen, doch vor mir lagen ein paar zottlige gehörnte ???, für Schafe zu groß und für Kühe zu behaart. Es waren Yaks aus dem Himalaja, diese hatte Reinhold Messner nach Sulden gebracht. Scheinbar fühlten sie sich hier wohl, ich ließ sie jedenfalls in Ruhe.

Ab hier hatte ich nun endlich auch einen freien Blick auf das unzertrennliche Dreiergespann, die Königsspitze (3851 m), dem Monte Zebru (3735 m) und dem Ortler (3905 m), denn ich stand (oder lag fast) nun direkt zu ihren Füssen. Verbunden waren sie durch dem Suldnerferner und dem Ende-der-Welt-Ferner, riesige Gletscher, die auch hier sich langsam zurückzogen. Mein Weg führte mich durch diese wunderbare felsige und doch so empfindliche Bergwelt immer höher, die letzten Tagesgäste kamen mir am Bergsee entgegen, in dem sich der Ortler zu betrachten schien. Ich wollte schon fragen, wie weit es noch bis zur Hütte ist, verkniff es mir aber. Denn die meisten sagen, ist nicht mehr weit, und das ist in den Bergen wirklich relativ. Doch wie zum Trost sah ich sie nach dem nächsten Felsvorsprung. Die privat geführte Hintergrathütte in 2661m Höhe liegt direkt an einem Felsvorsprung, und wurde als Stützpunkt hauptsächlich für die Besteigung des Ortlers über den Hintergrat errichtet. Aber auch "normale" Wanderer wie ich waren gern gesehende Gäste. Ich teilte mir mein Zimmer mit einer Frau aus dem Allgäu, zum Abendmenu am warmen Ofen gesellte sich noch eine rüstige Schweizerin zu uns, die in der Früh zum Ortler hoch wollte. Mit den drei Jungs aus dem Eisacktal kosteten wir zum Schluss noch den selbstgebrannten Scharfgabenschnaps der Wirtin. Auch sie wollten am nächsten Tag um 4 Uhr zum Ortler.

Ich frühstückte ganz in Ruhe um 7:30 Uhr, die Allgäuerin lies ich ziehen, denn wir wollten beide jeder für sich weiter laufen. Ein Höhenweg in der früh, die Sonne schaut schon über die ersten Kämme, der Nebel schleicht sich langsam aus dem Tal, der Fels glitzert in der Morgensonne, die Steinmännle werfen weite Schatten voraus, die Luft ist erfrischend klar und rein, die Ruhe vor dem Sturm, eine harmonische Berührung zwischen Nacht und Tag, ich liebe diese Momente und befülle meinen Speicher damit bis zum Rand. Doch viel zu schnell komme ich voran und abwärst, schon quere ich das Geröllfeld, die ersten Tageswanderer wirft mir der Langensteiner Sessellift entgegen. Die Bergstation nutze ich nur für einen kurzen Zwischenstop und ziehe weiter in Richtung Tabarettahütte (2556 m). Der schmale Pfad führt nun fast ohne große Höhendifferenz immer an der Flanke des Tabarettakammes entlang, erst noch durch begrünte Felslandschaft, dann leicht aufwärst durch schotterreiche Moränenwälle. Auch wenn er nicht sonderlich schwierig war, so erforderte er doch ein gewisses Maß an Trittsicherheit und Schwindelfreiheit. Eine Frau saß wie versteinert am Wegesrand, der Mann stand hilflos daneben. Sie fühlte sich unsicher und hatte Angst abzurutschen, wenn ihr andere entgegen kamen. Und der Pfad war mittlerweile gut gefüllt. Ich riet ihr einen der Stöcke, die der Mann fein säuberlich am Rucksack sich trug, als Hilfe zu nehmen und langsam abzusteigen. Denn das letzte Stück bis zur Hütte wurde noch steiler und schmaler. Ich nahm wie viele andere auf deren Sonnenterrasse Platz, den Blick und den Fotoapperat andauernd zum Ortler oder ins Tal gerichtet und verdrückte genüsslich eine superleckeren riesengroßen Kaiserschmaren. Das konnte ich mir leisten, denn ich hatte ja genügend Zeit zum verdauen und musste nicht gleich weiter. Als ich mich dann doch endlich aufraffte und in der prallen Nachmittagssonne nun den Pfad zur Payerhütte einschlug, kamen mir erst die Schweizerin und dann die drei Jungs aus dem Eisacktal entgegen. Sie hatten den Ortler erfolgreich erklommen und waren nun über die Payerhütte abgestiegen. Ich freute mich mit ihnen. Die Payerhütte (3020m) hatte ich schon von der Tabarettahütte aus gesehen, ganz klein rechts am Kamm vom Ortlergipfel, direkt über meinen Kopf. Doch über 500 Höhenmeter Luftraum waren noch dazwischen. Der Weg führte mich aber erstmal in einer langen Querung nach Nordwesten weg am Fels entlang und nach zahlreichen schweißtreibenden Serpentienen erreichte ich die Bärenkopfscharte (2871 m). In den Bergen lernt man, dass der direkte Weg nicht immer der Beste ist. Erst ab hier war ein direkter Weg zur Hütte möglich. Doch erstmal genoss ich das Panorama das sich mir nun auf der anderen Seite erschloss, ich konnte die Autos auf der in Italien höchsten und schönsten Passstraße zum Stilfser Joch (2757m) hoch fahren sehen und daneben den Gipfel der Rötlspitze (3026m) bewundern. Nach dieser visuellen Rundumschau sammelte ich wieder meine Kräfte für den Schlussanstieg, denn der verlangte nun im ausgesetzten Fels doch meine volle Konzentration. Hier von den markierten Pfad abzukommen, ist nicht gerade amüsant. Doch auch ich erreichte wohlbehalten die Payerhütte (3020 m) und hatte noch Zeit, auf der Terrasse in der Sonne sitzend den nun fast fastbaren Ortler zu bestaunen und dabei meine Sachen zu trocknen. Josef Payer, der Namensgeber der Hütte, hatte den Normalweg zum Ortler über eben dieser Hütte entdeckt. Ich bekam meinen Platz im Lager direkt unterm Dach, die Wirtin im Dirndl hatte trotz des Andranges alles im Blick. Die Stube war voll, die meisten wollten zum Gipfel. Ich leider nicht. Doch ich wußte, dass dies für mich eine Nummer zu groß war, denn hier war alpines Bergsteigen auch im blanken Eis unbedingte Voraussetzung. Und das wäre für mich Neuland. Alles kann man eben nicht erzwingen. Für die Nacht borgte ich mir zusätzlich von den leerem Bett über mir die Decken, so konnte ich warm genug bei dem nächtlichen Gewitter schlafen.

Für den Abstieg am folgenden Tag entschied ich mich, den Weg nach Trafoi ( Ort am Fuße der Stilfser-Joch-Passstrasse ) zu nehmen und nicht den gleichen Weg bis zum Sessellift wieder zurück zu gehen, denn diesen Weg kannte ich ja schon. Dass ich aber über 1500 Meter steil runter musste, wurde mir erst später schmerzlich klar, aber nun musste ich durch, da half auch kein Jammern. Ab der Bärenkopfscharte ging es durchs steile und rutschige Geröllfeld, erst an der verfallenden Edelweißhütte konnte ich eine Rast einlegen. Auf dem folgenden immer noch rutschigen Pfad wurde meine Reaktionsgeschwindigkeit geprüft, zum Glück ging alles gut. Beim Erreichen der Baumgrenze atmete ich erstmal auf, doch nach einem angenehmen Stück ging es weiter ziemlich steil im Wald bergab. Die Landschaft war atemberaubend, die Krüppelkiefern, wie sie langsam größer wurden, das Moos, was sich immer mehr durchsetze, einfach wunderschön anzusehen, und die Luft war auch gleich viel frischer und belebender. Diesen Übergang vom felsigen totem Grau ins belebende Grün, das erlebt man in keinem botanischen Garten. An der ebenfalls verfallenden Almenrosenhütte legte ich erneut eine Rast ein, das verrostete Schild zeigte mir an, dass ich bereits 1000 Höhenmeter geschafft hatte, 500 standen mir noch bevor. Egal, die schaffte ich auch noch, langsam aber sicher kam ich runter, den Bach hörte ich schon länger rauschen, endlich konnte ich ihn über eine Brücke queren und am Ufer zum letzten Mal rasten. Das kühle Nass war eine Wohltat für meine Füsse. An der Chaussee in Trafoi stellte ich dann zu meiner Bestürzung fest, dass der nächste Bus erst in 2 Stunden hier lang kam. Mein Daumen im Wind wurde leider von den vorbei fahrenden Autos ignoriert. Als ich auf dem Parkplatz ein Päarchen zu ihrem Auto gehen sah, rannte ich hinüber, sie erbarmten sich meiner und nahmen mich bis nach Sulden mit. Bei Onkel Tom angelangt war ich zwar fertig aber voller Stolz. In tiefer Dankbarkeit verneigte ich mich vor Mutter Natur, hoffend, noch viele solcher unvergesslichen Tage erleben zu können.